Im Jahr 1992 erhielt Gary Becker den Wirtschaftsnobelpreis für seine Theorie, dass nicht nur wirtschaftliches, sondern alles menschliches Handeln nutzenmaximierenden Erwägungen folgt. Im selben Jahr rief Bill Clinton seinen Wählern zu „It’s the economy, stupid!“. In der Folge vertrauten westliche, östliche und fernöstliche Gesellschaften immer mehr Bereiche dem Markt und seiner Wirtschaft an. Mit Erfolg. Wir erlebten 30 Jahre weltweites Wohlstandswachstum und ungeahnte technologische Innovationen.
Heute sind wir mit den Grenzen dieses Denkens konfrontiert: Unsere Brücken bröckeln. Unser Klima schlägt Kapriolen. Und unser Müllproblem – Plutonium oder Plastik – übergeben wir der nächsten Generation. Das ist alles kein Zufall. Ein Menschenleben ist endlich, daher optimieren wir zu viel für das Heute und zu wenig für das Morgen.
Die Abrahams-Religionen haben jedoch ein anderes Verhältnis zur Zeit. Die Verheißung galt immer der Zukunft. Dem Glaubenden ist die Zeit daher nicht knapp. Er kann für eine Zukunft leben, die nicht die Seine ist. Wir müssen nicht religiös werden, damit unsere Kinder eine Zukunft haben. Aber ohne die Einsicht, dass wir nicht nur für uns auf dieser Welt sind, wird es nicht gehen.
Referent: Dr. Carsten Lotz | Autor, Philosoph, Theologe
Nach seiner Maîtrise in Philosophie an der Sorbonne und seiner Promotion in katholischer Dogmatik an der Universität Tübingen arbeitete Carsten Lotz 17 Jahre für die Unternehmensberatung McKinsey & Company, zuletzt als Partner in Paris. Er leitete den europäischen Infrastruktursektor und beriet weltweit Klienten aus der Energie- und Transportindustrie.
Seit 2023 ist er freiberuflicher Autor und Dozent. Er publiziert zu Themen an der Schnittstelle zwischen Ökonomie und Philosophie. 2023 wurde er für einen Beitrag zum Verhältnis von Wirtschaft und Demokratie mit dem Essay-Preis der WirtschaftsWoche und des Zentrums Liberale Moderne ausgezeichnet.
In seiner Vorlesung „Verantwortung im Management“ an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Mannheim verbindet er philosophische Ansätze zur Ethik mit aktuellen Fragen von individueller, institutioneller oder künstlicher Verantwortung.
Veröffentlichungen (Auswahl): Zwischen Glauben und Vernunft. Letztbegründungsstrategien in der Auseinandersetzung mit Emmanuel Levinas und Jacques Derrida. Schöningh-Verlag, 2008. | „It’s more than economy, stupid!“, WirtschaftsWoche, 23/2022 | „So gut müssen Firmen gar nicht sein“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 39/2022 | „Demokratie und Wirtschaft – es passt nicht mehr“, WirtschaftsWoche, 45/2023 | „Schwächeln ist menschlich“, WirtschaftsWoche, 12/2024